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Die Sonnenblume im Flussbett der Prien

Die Sonnenblume im ausgetrockneten Bett der Prien

Im ausgetrockneten Bett der Prien wuchs fast unbemerkt eine kleine Sonnenblume heran. Symbol für einen außergewöhnlichen Hitzesommer. Beleg für etwas, das unter normalen Umständen nicht hätte passieren können …

Ab Mai 2026 fielen meine E-Bike-Touren deutlich anders aus als all die Jahre zuvor. Vor allem im Sommer waren sie weniger abwechslungsreich – ich radelte zwar nach wie vor häufig, aber aufgrund der z.T. extremen Temperaturen fuhr ich eher kürzere Distanzen und zudem fasst immer die gleiche Strecke: Von Hohenaschau bis 1 km nach der Fischerkapelle und wieder zurück. An genau dieser Stelle gab es nämlich ein Naturschauspiel zu erleben, das mich immer wieder aufs Neue faszinierte. Ein kleines mehrwöchiges Wunder, das ich Mitte Oktober mit einem Foto festhalten konnte: Einer blühenden Sonnenblume im ausgetrockneten Bett der Prien. Aber der Reihe nach.

Aschau – die Hauptstadt des Starkregens

Das Priental galt lange Zeit als die unangefochtene „Hauptstadt des Starkregens“. Über Jahrzehnte hinweg schob der alpine Nordstau mächtige Regenwolken vor den Bergflanken von Geigelstein und Kampenwand zusammen. Die Prien war ein über weite Teile ungestümer Gebirgsfluss: Rauschend, kühl und unaufhaltsam. Ihr Bett bestand und besteht dabei aus tiefem Kies und Kalksteinen, die bei jedem Sommerunwetter von gewaltigen Flutwellen aufgespült und gegeneinander zermalmt werden. Selbst wenn die Prien bei Grattenbach jedes Jahr aufs Neue trockenfällt:

Weder bei Grattenbach (und erst recht nicht im weiteren Verlauf Richtung Chiemsee) hätte je eine Sonnenblume mitten im Flussbett aufwachsen und über Wochen überdauern können.

Der Hitze-Sommer 2026

Im Juni gab es noch einige stärkere Regenfälle, doch die Wassermassen schossen in kürzester ab, ohne tief im Boden zu versickern. Es folgten im Chiemgau Wochen und Monate brütender Hitze. Das Thermometer kletterte immer wieder weit über die Marke von 30 °C – nicht nur wenige Male wie im Jahrhundertsommer 2003, sondern in ständiger Folge.

Viele der über 20 Zuflüsse trockneten aus, der Grundwasserspiegel sank immer weiter unter die Sohle des Flusses. Schließlich versiegte die Prien über Wochen hinweg sowohl zwischen Sachrang und Bach, aber diesmal auch auf längeren Strecken zwischen der Brücke beim Angermann und dem Bereich nach der Fischerkapelle. Über fast drei Monate lang bewegte sich von Sachrang bis zur Autobahn kaum noch ein einziger Stein. Im Jahr 2003 und 2015 fielen auch einige kleinere bislang ungefährdete Abschnitte trocken. Aber damals waren es nur wenige Tage . keine Wochen oder gar Monate. Das fiel auch Toni Hötzelsberger von den Samerberger Nachrichten auf. Zitat von Mitte August 2026: „In diesem Sommer ist es schon besonders krass.“

Insofern geschah erst dieses Jahr etwas wirklich Ungewöhnliches, denn die Trockenheit hielt wochenlang an. Tausende Prienforellen dürften verendet sein: Denn schon das niedrige Wasser ist ideal für Reiher, Krähen und Ringelnattern, welche die nacheinander die kleiner werdenden Gumpen von allem Leben befreien, bis sie am Ende völlig austrocken.

Doch kein Unglück ohne neue Chance: Ein winziger Sonnenblumenkern – vielleicht aus dem Garten eines Anwohners, vielleicht von einem Vogel im Vorbeiflug verloren – fiel genau in eine der schattigen Ritzen zwischen den trockenen Flusskieseln. Und im Oktober kam es schließlich zur Blüte.

Von Ende Juli bis Mitte Oktober 2026 fiel der Bereich auf Höhe der Fischerkapelle auf gut einem Kilometer trocken. Man kann auf dem ersten Bild die Sonnenblume sogar erahnen: Sie steht etwa 10m vor der dunklen Treppe – mittig im Flussbett.

Direkt neben der Prien gab es bereits flächendeckenden Frost. Kein Problem für die Sonnenblume – sie profitierte von den sich tagsüber erwärmenden Steinen.

Auch innerhalb von Niederaschau fiel die Prien über viele Wochen trocken.

Das Wunder im Kies

In einem normalen Jahr (siehe Bilder vom September 2024) wäre der Samen binnen weniger Tage von einer reißenden Strömung mitgerissen oder im Kiesbett erstickt worden. Er hätte vermutlich noch nicht einmal den Boden erreichen können: Weil ich an dieser Stelle seit Jahren wenigsten 1x pro Woche mit dem E-Bike vorbeiradle, weiß ich, dass hier wirklich immer Wasser geflossen ist. Und gar nicht wenig.

Doch im Sommer 2026 herrschte an dieser Stelle im Flussbett eine surreale Ruhe.

Die hellen Kieselsteine wandelten sich unter der glühenden Sonne in Wärmespeicher. Sie nahmen tagsüber die Hitze auf und strahlten sie in den kühlen Nächten wieder ab – ein natürliches Gewächshaus entstand mitten in einem ausgetrockneten Flusslauf. Die Wurzel der der Sonnenblume grub sich tief nach unten, vorbei an den trockenen Steinen, bis sie tief im Untergrund den letzten verbliebenen, kühlen Porenwasserstrom erreichte.

Sie wuchs. Zentimeter um Zentimeter. Über Wochen hinweg blieb nicht nur die Flut aus – meist floss gar kein Wasser. Und wenn, dann verschwand es wieder. Kein Geschiebe zermalmte daher ihren zarten Stängel. Anfang Oktober erreichte sie eine Höhe von 50 Zentimetern und öffnete stolz ihre leuchtend gelbe Blüte – mittendrin in einem kargen Steinbett aus trockenem Flusskies.

Das Ende der Sonnenblume

Heute Nacht kehrte der für Aschau typische, massive und anhaltende Regen zurück. Stundenlang lang goss es vom Himmel, und der ergiebig Niederschlag füllte das Bett der Prien wieder auf 30 bis 40 Zentimeter Höhe. Und die Sonnenblume? Sie ist nun wohl Vergangenheit. Sie dürfte sich kaum dem Geschiebe und dem reißenden Wasser Widerstand geleistet haben. Auf meiner Erkundungstour von heute war sie jedenfalls nicht mehr zu sehen – und vielleicht ist das auch gut so

Die Sonnenblume in der Prien ist nämlich keine romantische Geschichte über die schöpferische Kraft der Natur. Sie ist eine stumme Zeitzeugin eines Systemwechsels:

Sie blühte an einem Ort, an dem sie nicht hätte existieren sollen.

Ihre schiere Existenz ist der botanische Beweis dafür, dass einer der wasserreichsten Gebirgsflüsse Deutschlands seine uralte Dynamik verloren hat. Wo einst tosendes Wasser und rollendes Geröll keinen Rauem für zartes Leben ließen, offenbarte die kleine, noch im Oktober blühende Sonnenblume die mögliche Erschöpfung eines hydrologischen Systems.

Zwei Bilder der etwa 50 cm hohen Sonnenblume. Damit sie am 13. Oktober so groß sein konnte, keimte die Saat vermutlich Anfang bis Mitte August.

In der Nacht auf den 14. Oktober kam es (endlich) zu starken Regenfällen. Die Sonnenblume dürfte die Strömung nicht überlebt haben.

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