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Zu den letzten Laubfröschen im bayerischen Inntal

Im bayerischen Teil des Inntals gibt es nur noch zwei oder drei Biotope mit Laubfröschen. Heute radelte ich zum einst größten Fundort nahe Fischbach. Das Ergebnis war ernüchternd.

Seit Jahrzehnten interessiere ich mich besonders für zwei spezielle Lebensformen: Für Amphibien und Pilze. Bei Amphibien sind es insbesondere das Prinzip der Metamorphose sowie die unterschiedlichen Laichstrategien (Explosiv-Laicher vs. Einzeltiere). Insofern beobachte ich die Entwicklung der südbayerischen Amphibienbestände vergleichsweise regelmäßig. Das Frühjahr 2021 zählt diesbezüglich zu den Tiefpunkten: Überall gehen die Amphibienbestände z.T. sprunghaft zurück.

Ein Stockbild von einem Laubfrosch. Ich selbst habe in rund 30 Jahren nur wenige Male einen in der freien Natur gefunden. Gehört habe ich sie oft. Auch die Kaulquappen lassen sich gut bestimmen. Die Situation des Laubfrosches im bayerischen Inntal scheint immer kritischer zu werden. Die beiden letzten größeren Populationen sind entweder verschwunden oder stark zurückgegangen.

Diese Tatsache konnte ich auch dieses Jahr wieder anhand eigener Erlebnisse bestätigen: Lokale Teiche, in denen sonst tausende von Erdkröten- und Grasfrosch-Kaulquappen geschwommen sind, waren z.B. komplett leer – nicht eine einzige Larve der beiden robusten und weit verbreiteten Amphibienarten war mancherorts zu finden. Kein Einzelfall! Insofern interessierte mich vor allem, wie es um die besonders seltenen Arten im südlichen Rosenheimer Landkreis bestellt ist. Dazu zählen die Wechselkröte und der Laubfrosch.

Besonders selten: Der Laubfrosch

Die Wechselkröte wurde angeblich wenige Kilometer von Aschau entfernt im Trockenbachtal gefunden. In den letzten zehn Jahren habe ich dort trotz regelmäßiger Besuche nicht eine einzige Larve gefunden. Der Bestand scheint erloschen, was mir auch ein Vertreter des LARS 2018 per Mail mehr oder weniger bestätigte. Bleibt noch der Laubfrosch. Sein Ruf, ist auch von Weitem gut zu hören, es ist eine Art „äpp, äpp, äpp“, das durchaus nicht nur von Bodennähe, sondern z.T. auch von Bäumen erschallt: Der Laubfrosch heißt im Englischen nicht ohne Grund „Common tree frog“, weil der aufgrund seiner Haftscheiben Bäume hinaufklettern kann und dort mitunter auch überwintert.

Im Inntal verfolge ich die Lauffroschpopulation schon seit gut 20 Jahren. Wenigstens zwei Vorkommen mit z.T. mehr als 30 rufenden Männchen hat es in dieser Zeit noch gegeben: Einmal im Steinbruch Huber in Brannenburg. Daneben im Steinbruch Hafnach bei Fischbach. Beide Biotope liegen westlich des Inns. Ob es in dieser Zeit darüber hinaus wirklich noch weitere Biotope mit Laubfröschen im bayerischen Inntal zwischen Raubling und Kiefersfelden gibt oder gegeben hat, wage ich zu bezweifeln – obwohl die amtliche Kartierung z.B. für Neubeuern einen Fundort angibt.

Mit dem E-Bike nach Fischbach

Seit ca. 2016 gibt es in Brannenburg keine rufenden Männchen und auch keine Kaulquappen mehr zu finden. Einer der Gründe könnte eine große Baumfäll-Aktion im Winter gewesen sein – die Tiere könnten darin überwintert haben. Die rund 30 rufenden Männchen waren jedenfalls von einem Jahr aufs andere nahezu komplett verschwunden – und das, obwohl 2015 hunderte junger Hüpferlinge unterwegs waren. Gespenstisch! Nachdem ich dort fünf Jahre nacheinander vergeblich nach Laubfröschen Ausschau gehalten habe, fokussierte ich mich dieses Jahr komplett auf den Steinbruch bei Fischbach.

In diesem Steinbruch herrscht eine sehr hohe Dynamik, was den Laubfröschen jedoch eher entgegenkommt. Immer wieder verschwinden kleine Teiche. Stets entstehen an anderer Stelle neue z.T. recht kleine Pfützen, die über die Jahre zu z.T. recht stattlichen Bruterfolg geführt haben. Bis 2019 war die Welt in diesem Steinbruch aus Laubfrosch-Sicht auch noch in Ordnung. Doch schon 2020 waren deutlichen Veränderungen erkennbar: Keine einzige Larve war zu finden, obwohl es noch genug rufende Männchen gab. Eine Ausnahme dachte ich noch letztes Jahr.

Massiver Rückgang bei Kaulquappen aller Art

Heute schnappte ich mir also mein E-Bike, um die knapp 30 km nach Fischbach zu fahren. Über den Neubeurer See und Nußdorf bis zum Ziel und zurück. Im Steinbruch angekommen ahnte ich bereits von weitem: Hier sieht alles anders aus! Es hat offenbar massive Umschichtungen geben. Mein erster Eindruck: Wo sind die ganzen alt bekannten Teichen und Pfützen? Bei genauerem Hinschauen, waren die alten zwar weg, dafür gab es einige neue Gewässer, die den Verlust grds. ausgleichen können.

Die Inspektion der rund 10 Gewässer mit unterschiedlicher Größe war wiederum ernüchternd:

  • Von den großen Schwärmen von Erdkrötenkaulquappen: Keine Spur – nicht eine einzige Larve habe ich sicher bestimmen können! Sonst sind es Zehntausende, die sich hier herum tummeln.
  • Die ansonsten recht zahlreichen Grasfrosch- und vermutlich z.T. auch Springfrosch-Kaulquappen waren ebenfalls massiv geschrumpft: Vielleicht 30% der sonstigen Bestände um diese Jahreszeit.
  • Auch die Gelbbauchunke schien verschollen zu sein: Der Steinbruch ist einer der größten Standorte im Landkreis Rosenheim gewesen.
  • Und Laubfrosch-Larven? Nicht eine einzige habe ich gefunden.

Nun kann man zu recht sagen: Es war ein kaltes Frühjahr, und die Laichzeit reicht beim Laubfrosch theoretisch noch bis in den Juni. Ja, es ist theoretisch möglich, dass es 2021 noch Nachkommen geben wird. Aber: Normalerweise laichen die Laubfrösche in diesem Steinbruch bereits Mitte/Ende April. Und die anderen Arten sogar noch früher. Insgesamt habe ich den Eindruck gewonnen, dass das Jahr 2021 für alle hier ansässigen Amphibien ein besonders schlechtes ist. Sicherlich werde ich im Juni noch einmal vorbeischauen, aber man sollte nicht verwundert sein, wenn sich bis dahin nichts verbessert hat.

Auf der Rückfahrt: Eine Eidechse auf der Straße

Das einzige Highlight der Fahrt war die Rückfahrt durch das Mühltal zwischen Nussdorf und Samerberg: Hier sonnte sich eine Waldeidechse mitten auf der asphaltierten Straße. Verständlich, denn bei der Kälte zählt jeder Sonnenstrahl und jedes Grad Wärme. Das Ganze ist allerdings auch lebensgefährlich, denn auf der Strecke fahren laufend Autos und Fahrradfahrer – auch ich habe die Eidechse vermutlich am Ende ihres Schwanzes noch „gestreift“. Aber: Als ich sie ins Gebüsch tat, war sie quicklebendig. Nur eine Minute später fuhr ein Auto genau über die Stelle, an der die Eidechse gesessen hat …

Die Hinfahrt ging über Achenmühle, Rohrdorf und Neubeuern. Am Neubeurer See wird in normalen Jahren um diese Jahreszeit schon gebadet … Im Inntal befindet sich bei Fischbach der Steinbruch mit einem der letzten Laubfroschvorkommen. Trotz vieler neuer geeigneter Gewässer waren keine Larven zu finden – auch nicht von der ansonsten massenhaft laichenden Erdkröte. Das einzige Highlight: Eine Eidechse, die ich von der Straße retten konnte. Direkt nebendran: Eine Pfütze mit Grasfroschkaulquappen.