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Testbericht: E-Bikes von TIER in Berlin

Nach einem kurzen Tripp in Köln nutzte ich in Berlin die TIER E-Bikes drei Tage lang mehrmals täglich. Auch einen E-Scooter nutzte ich einmal. Das Ergebnis: Licht und Schatten gleichermaßen.

Gesamtergebnis: 4 von 5 Sternen = gut (allerdings nur mit viel Wohlwollen)

Auf der diesjährigen DMEA war ich in Berlin drei Tage als Aussteller tätig. Das Hotel lag in Charlottenburg – einige Kilometer vom Messegelände entfernt. Die ideale Distanz, um die Strecke mit einem E-Bike zu absolvieren. Ich entschied mich erschöpft und relativ spontan auf dem Rückweg am ersten Messetag für die Auftaktfahrt mit den türkisen E-Bikes von TIER, die ich bereits einmal in Köln (dort allerdings nur sehr kurz) getestet hatte. Insgesamt absolvierte ich mehrere kurze bis mittlere Trips für alles in allem 40€ bei 2,5-3 h Nutzung. Die weiteste Tour führte dabei über knapp 10km in die Nähe des Alexanderplatz.

Auch eine E-Scooter-Nutzung erfolgte am letzten Tag, da an der Messe alle E-Bikes vergriffen waren. Es war meine erste E-Scooter-Tour überhaupt, aber die Teile sind überhaupt nichts für mich … viel zu hart gefedert und m.E. auch zu unsicher. Scooter werden daher nicht in der Wertung beurteilt.

Als TIER-E-Bike Nutzer stellte ich mir während der drei Tage folgende Fragen:

  • Ist das Angebot über Berlin verteilt gut erreichbar?
  • Wie gut fährt sich das E-Bike selbst?
  • Traten Probleme auf – mit dem Bike oder der App?
  • Was kostet der Spaß im Verhältnis zu alternativen Möglichkeiten?

Sie werden nachfolgend in fünf Schritten nacheinander beantwortet.

Folgende Kriterien habe ich mir für diesen Testbericht überlegt:

  1. Verfügbarkeit
  2. Ausstattung
  3. Zuverlässigkeit
  4. Preis/Leistung
  5. Fazit

Auf die einzelnen Kriterien möchte ich nachfolgend genauer eingehen.

1. Verfügbarkeit

Egal wo man in Berlin ist – überall leuchtet das Türkis der TIER-E-Bikes und E-Roller. Man könnte sagen: „Kein Wunder!“, denn die Firma TIER Mobility kommt aus Berlin. Genauer aus Charlottenburg, so jedenfalls die Info auf wikipedia bzw. dem Impressum der Website. Aber auch Heimspiele muss man erst einmal gewinnen. Und der Eindruck, den ich in den letzten drei Tagen gewonnen habe, war: Sensationelle Verfügbarkeit der E-Bikes über die gesamte Stadt verteilt – soweit ich das überhaupt beurteilen konnte. Vom Westen bis nach Mitte sieht man die E-Bikes, noch öfter sieht man allerdings die Roller. Nicht selten bilden Roller und E-Bikes ein weithin sichtbares „türkises Nest“.

Auch von meinen letzten Berlin-Fahrten seit Anfang 2022 weiß ich: Es gibt sie wirklich überall in der Hauptstadt, die E-Bikes von TIER. Aktuell sind es laut t3n zwischen 400 und 1.500. Alles in allem gibt es dafür die Höchstnote: 5 von 5 Punkte!

Teilergebnis 1 – Verfügbarkeit: 5 von 5 Sternen = ausgezeichnet

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2. Ausstattung

Die E-Bikes sind zunächst einmal sehr gut erkennbar. Das erleichtert ihr Auffinden – mit oder ohne die dazugehörige App. Die Bikes sind solide verarbeitet. Das finde ich sehr gut! Das ermöglicht lange Haltbarkeit, aber auch einen ruhigen Lauf. Der Fahrradkorb ermöglicht die Mitnahme mittelgroßer Taschen – für mich und mein Laptop ging das grad noch so, aber ein größerer Korb vorne wäre kein echter Vorteil – ein großer Korb hinten ist schwer während der Fahrt im Auge zu behalten. Was man dort hinein tun würde, könnte ungewollt während der Fahrt verschwinden. So gesehen ist der gewählte Korb genau richtig.

Wer stellt die E-Bikes her? TIER Mobility hat 2021 Nextbike übernommen. Auf den ersten Blick sprach daher einiges dafür, dass die Bikes in Berlin von Sachsenring kommen – aber nein: Sie kommen von Segway. Genauer: Es ist das Segway A 200 (zumindest in Berlin, andere Städte können andere E-Bikes verwenden) . Zu dem in Berlin angebotenen E-Bike das nachfolgende Video von „Elektrifiziert“.

Test: TIER-E-Bike von Segway

Dem Video ist nicht viel hinzuzufügen:

  • Das E-Bike ist übersichtlich gebaut.
  • Hat einen guten, höhenverstellbaren Sitz.
  • Ist gut gefedert, hat gute Reifen.
  • Besitzt einen eingebauten NFC-Charger für das Smartphone.
  • Bremsen sind ok (je nach Bike besser oder schlechter).
  • Die Automatik-Schaltung auch (Bike schaltet von selbst).

Nichts desto trotz ein wenig Kritik: Die Schaltung bzw. die Motorunterstützung reagiert beim Anfahren leider etwas verzögert, schaltet dafür während der Fahrt sehr angenehmen. Die Power des Motor ist für Städte wie Berlin gut. Man ist schnell bei 25 km/h angelangt. In Städten mit mehr Steigungen könnte das Fahren allerdings knifflig werden, weil das Rad zur Untertourigkeit neigt. In Berlin fällt das allerdings kaum uaf.

Für das E-Bike von TIER bzw. Segway gebe ich daher gerne 4.5 von 5 möglichen Punkten, denn es kann kaum mehr von einem entsprechenden Leih-Angebot erwartet werden, zumal der Zustand aller Räder grds. gut war.  Die Wartung scheint zu funktionieren. Ergo: Keine Kritik – die betrifft eher die App und ihr Zusammenspiel mit dem E-Bike. Dazu im nächsten Punkt mehr.

Teilergebnis 2 – Ausstattung: 4.5 von 5 Sternen = sehr gut

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3. Zuverlässigkeit

Zuerst zum E-Bike: Vermutlich waren es fünf verschiedene Exemplare, die alle annähernd gleich gut fuhren. Die Bikes sind (aktuell) noch recht zuverlässig. Es kommt kaum zu Überraschungen. Dem E-Bike selbst gebe ich daher 4.5 Punkte.

Tja, daher nun zur digitalen Technik, mit der ich tatsächlich nicht so zufrieden war. Man bekommt z.B. in der TIER-App und auch am Fahrrad selbst mit einer grünen Lampe angezeigt, ob man ein E-Bike nutzen kann. Via QR-Code klappte das Reservieren stets reibungslos. Wenn man sich eincheckt, heißt das allerdings nicht, dass die Fahrt gleich losgeht – oder: Nachdem man sie beendet ist – dass man das Ganze auch unverzüglich beenden kann.

Ich hatte gleich drei unterschiedliche Erlebnisse mit der App (= 30% der Fahrten), über die ich mich ziemlich geärgert hatte: Beim ersten Mal hing sich die App nach der Fahrt auf – sie war nicht mehr bedienbar, lief aber fleißig weiter (und zwar zu 0,19 Cent pro Minute). Nach mehreren Minuten erfolgloser Versuche, die Fahrt zu stoppen, entschloss ich mich, mein iPhone komplett neu zu starten. Das klappte dann auch, aber: Das Ganze dauerte insgesamt mit Fehlversuchen mehrere Minuten und kostete mich geschätzte 2 Euro – für nix plus Ärger! Auch einen Tag später gab es Probleme: Am Stuttgarter Platz wollte ich ein E-Bike starten. Das Schloss wurde einwandfrei entriegelt. Die Fahrt hätte nun eigentlich losgehen können … hätte! Aber: Nix passierte. Der Motor sprang nicht an, dafür leuchtete eine rote Lampe und eine 43 wurde angezeigt, was auch immer das bedeutete. Die Buchung war nicht umsonst, denn schon wieder 2 Euro weg – für nix!

Sorry, so etwas geht gar nicht!

In der Mischbetrachtung von E-Bike und Zusammenspiel mit der App gibt es daher (gerade noch) drei Punkte. Weniger wären m.E. vertretbar, denn wenn dieses Zusammenspiel von E-Bike und App nicht funktioniert, wird es wirklich teuer und zudem ärgerlich. Was die Freude am Anmieten und Fahren sehr einschränkt.

Teilergebnis 3 – Zuverlässigkeit: 3 von 5 Sternen = gerade noch befriedigend

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4. Preis-Leistung

Ein Schnäppchen war die Nutzung der TIER-App nicht gerade. Für die 40 € hätte ich mir einige Tageskarten bei der BVG kaufen können. Und mit den Tageskarten kommt man wirklich verdammt weit in Berlin. So gesehen sind die TIER E-BIKEs nur etwas für Tage mit schönem Wetter, in denen man unbedingt Bewegung mittels E-Bike möchte und dafür bereit ist:

  • Eine Startgebühr von 1 Euro zu bezahlen.
  • Plus 19 Cent pro Fahrt-Minute.
  • Plus 19 Cent pro Pausen-Minute.

Wer also länger als 5 Minuten pausiert, kann gleich stoppen und neu mieten. Ist günstiger. Und die Gefahr, dass das E-Bike zwischendurch von jemand anders „gekapert“ wird, ist gering. Wer die Konditionen genauer studieren möchte, wird nicht so schnell fündig. Das liegt möglicherweise daran, dass jede Stadt andere Konditionen zu haben scheint. Das suggeriert jedenfalls dieser Artikel aus Wien. Dort scheint TIER nochmal 8 Cent pro Minute teuerer zu sein. Es gibt zwar laut App auch ein Wallet für Freifahren oder eine ermäßigte Fahrten-Buchungsfunktion, aber das fällt nicht wirklich ins Gewicht.

Nun eine Beispielsrechnung:

  • Wer 8 Stunden inkl. Pause mit dem gleichen TIER-E-Bike unterwegs ist, zahlt 1 + (8 x 60 Min) x 19 Cent = 92, 2 €.
  • Die Reichweite sollte dabei aber nicht mehr als 70 km überschreiten, sonst könnte der Strom knapp werden.
  • Fährt man nur ein paar Kilometer, kostet das Ganze zwischen 3-5 €, was auch kein Schnäppchen ist.

Man darf sich wirklich fragen: Was kosten die Alternativen?

  • E-Bikes gibt es für Tagespreise zwischen 25-40 €. Die muss man dann aber stets dahin wieder zurück bringen, wo man sie geliehen hat. Ist nicht immer von Vorteil.
  • Kann man ein Call a bike ohne Motor mit einem TIER-E-Bike vergleichen? Kostet immerhin nur maximal 9 € am Tag. Ist noch verfügbarer. Und im Flachen funktioniert es auch. Kann man den Preis wirklich mit der BVG-Tageskarte vergleichen (s.o.)?

Schwer zu sagen! Ein E-Bike ist für den Verleiher deutlich teurer in der Anschaffung als auch im Unterhalt. Aber 40 € für wenige Stunden Nutzung? Insgesamt bin ich noch unschlüssig, das Ganze mit gut zu bewerten. Zumal aufgrund der unzuverlässigen App (siehe Bewertungs-Punkt davor). Am ehesten ist das Angebot für mittlere Strecken preislich attraktiv, bei denen man am Ende das E-Bike einfach irgendwo stehenlassen will.

Meiner Meinung nach verdient das Pricing in Berlin 3.5 von 5 Punkten.

Teilergebnis 4 – Preis-Leistung: 3 von 5 Sternen = befriedigend

5. Fazit

Das Angebot von TIER überrascht mit hoher Verfügbarkeit und guten E-Bikes. Bei der Zuverlässigkeit der App und dem Pricing sieht es nicht ganz so rosig aus. Insgesamt mit viel Wohlwollen noch 4 von 5 Punkten. Aber auch nur deshalb, weil ich als „gut situierter“ E-Bike-Fan bereit bin, für so einen Service einige Euro auszugeben. Ob andere Menschen das vor allem im Hinblick auf das Pricing genauso sehen, wage ich zu bezweifeln.

Wer lange Touren machen möchte, sollte sich ein anderes E-Bike für den ganzen Tag leihen, z.B. mit Bosch-Motor und Akku. Damit kommt man weiter und in der Regel ist es auch billiger.

Im Bereich mittellanger Touren, bei denen man das E-Bike irgendwo in Berlin abstellen möchte, ist das Angebot durchaus gut.